Gespräch mit der Psychoanalytikerin, Autorin und Spanienkennerin Mechthild Zeul über Almodóver und ihr Buch


„Die heterosexuellen Männer haben schlechte Karten in den Filmen Almodóvars."

Gespräch mit der Psychoanalytikerin, Autorin und Spanienkennerin Mechthild Zeul

Von Yolanda Prieto


Alle Fotos: (C) Milton Arias

Sie posiert zufrieden neben dem Poster des Films. Aber wenn es etwas gibt, was Mechthild Zeul nicht ausmacht, dann ist es dies, eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs zu sein. Obwohl sie auf den ersten Blick reichlich Gründe dafür hätte. Von Montag bis Donnerstag lädt sie ihre Patienten dazu ein, sich auf die Behandlungscouch in ihrer Praxis zu legen; den Rest der Woche verbringt sie mit ihrem Mann in der gemeinsamen Wohnung in Madrid. „ Das Buch über Almodóvar habe ich praktisch im Flugzeug geschrieben“, und sie fährt fort „es ist ein phantastischer Ort um zu schreiben, denn Du kannst Dich nicht damit ablenken, andere Dinge zu tun“. Sie fasst ihre Faszination vom Regisseur aus der Mancha so zusammen: „Mir hat die Tatsache keine Ruhe gelassen, dass Almodóvar so ausgiebig Gefallen im Ausland findet, auch in Ländern, die so verschieden vom spanischen kulturellen Kontext sind, wie Japan“, führt sie aus. „Meine Theorie besteht darin, dass er es verstanden hat, universelle Archetypen zu konstruieren, die in jeder Ecke der Welt verstanden werden“.

Ihre Neugierde hat sie sogar dazu veranlasst, den Geburtsort des Regisseurs in der Mancha auEin Blick in ihre Praxis in Frankfurt Nordendfzusuchen und ein Interview mit einem seiner Kinderfreunde zu führen. Dies alles mit dem Zweck, dass sich dieses Erleben in ihrem Buch Pedro Almodóvar. Seine Filme, sein Leben (Verlag Brandes & Apsel) wieder findet. „Calzada de Calatrava schien mir ein sehr düsterer Ort. Direkt nach der Ankunft findest Du ein Beerdigungsinstitut vor“, und sie fügt hinzu „sofort verstehst Du, dass seine Filme trotz dieser besonderen Farbigkeit sehr melancholisch sind“. Als ich sie bitte, sie möge ihre Schlussfolgerungen zusammenfassen, zu denen sie in ihrem Buch über Almodóvar gelangt ist, antwortet Zeul: „Er hat Personen erschaffen, die sich in einer vollständig narzisstischen Welt bewegen, in der sie Kleinkindern gleich, glauben, dass alles möglich ist, dass alles passieren kann.“

Sie freut sich, dass das Instituto Cervantes in Frankfurt einen Zyklus im Mai programmiert hat, der dem spanischen Regisseur gewidmet ist, und dass sie beauftragt wurde, Richtlinien darzustellen, die in ihrem Buch vorkommen. „Es geht darum, dass das Publikum besser verstehen kann, wie ich die Protagonisten und die Dynamik zwischen ihnen analysiert habe.“ Nach Frau Dr. Zeul ist für Almodóvar die enge Beziehung, die er zu seiner Mutter hatte charakteristisch. Er hatte ihr sogar die Rolle als Nachrichtensprecherin in einem seiner Filme übertragen. „Der Vater Almodóvars war während seiner Kindheit häufig abwesend, da er Öl und andere Lebensmittel von Dorf zu Dorf verkaufte. Seine Mutter lehrte ihn das Lesen und das Schreiben. Sie verdiente zusätzlich Geld, indem sie Briefe an analphabetische Frauen im Dorf verfasste und dabei Dinge erfand“, und sie fährt fort “nach den Worten des Regisseurs war es seine Mutter, die ihm den Unterschied zwischen Realität und Phantasie bei brachte“.

„Die Personen Almodóvars haben Illusionen im Leben, Träume, wofür sie kämpfen; aber am Ende erfüllen sie sich nicht. Dies ist die melancholische Botschaft seiner Filme“.

Für Zeul ermöglicht die enge Verbindung mit der Mutter, dass sich Almodóvar in die weiblichen Figuren projiziert, dass er sich selbst in sie hinein begibt. Es sind besonders die weiblichen Figuren in ¿Qué hecho yo para merecer esto?, die die Psychoanalytikerin am meisten faszinieren. „Ebenso Carmen Maura, (die ihren Mann mit dem Bein eines Schinkens töten wird), wie Verónica Forqué, (die die sich prostituierende Nachbarin interpretiert), haben Illusionen im Leben, Träume, wofür sie kämpfen; aber am Ende erfüllen sie sich nicht. Dies ist die melancholische Botschaft seiner Filme“. Und die Männer? Wie sieht Mechthild Zeul die männlichen Protagonisten des Regisseurs? „Die heterosexuellen Männer haben schlechte Karten in den Filmen Almodóvars, sie sind brutal und negativ eingestellt“, und sie fährt fort: „die Homosexuellen nicht. Er hat besser als niemand Anderer um die Wünsche zwischen Männern gewusst, sie verstanden und sie reflektiert“, betont sie.

Und während sie ungehemmt neben dem Poster von Mujeres al borde de un atque de nervios posiert, sagt sie, sie sei sich bewusst, dass ihre Interpretation der Filmographie und des Lebens Almodóvars aus ihrer Bildung als Psychoanalytikerin stamme. Sie betont, dass der Regisseur aus der Mancha nicht mit ihren Thesen übereinstimmen müsse, noch dieselbe Sprache spreche wie sie. „Ich habe nicht versucht, ihn persönlich kennen zu lernen, denn ich wollte nicht, dass mir das Gleiche passiere, wie in einem Interview mit Carlos Saura“, und sie fügt hinzu: „ich fragte nach Dingen und Saura verstand nicht, worauf ich mich bezog.“ Wenn man sie an der Seite des Posters sieht, ist es schwer, nicht die Assoziation zu haben und zu vermuten, dass Mechthild Zeul bei irgendeiner Gelegenheit nicht phantasiert haben mag, sich in eine dieser unvergesslichen weiblichen Personen, voller Fähigkeiten zu verwandeln, in die sich auch Almodóvar projiziert. Der große Unterschied besteht darin, Frau Dr. Zeul nicht im Geringsten Melancholie vermittelt.


Zeul, Mechthild
Pedro Almodóvar
Seine Filme, sein Leben
Brandes&Apsel Verlag
1. Auflage 2010
188 S., 14,5 x 20,7 cm, Französisch Broschur, mit vierfarbigem Fototeil
19,90 €
ISBN 978-3-86099-629-4